Xanthippes Adventskalender

Liebe Freund*innen, liebe Kund*innen der Xanthippe

 

Dezembertage sind Adventskalendertage-

lasst Euch wieder überraschen und erfreuen über literarische,

lustige, musikalische, leichtsinnige, tiefgründige Adventspäckchen.

 

Viel gute Zeit wünscht Euch - die Adventskalenderfrau aus der Xanthippe

 


 

Dienstag, 24.12. 2019

 

in die köstliche stille treiben

atemlos unter den sternen

den puls der alten felsen wahrnehmen

das rascheln eines tiers

das fallen eines blatts

irgendwo in der kühlen nacht

aus dem silbrig glitzernden netz der erinnerung

bunte bilder aufsteigen lassen

ferne lichter der autos

fallen wie sternschnuppen

in die dunkle nacht

 

luisa francia   aus: Der weibliche Weg zur wilden Kraft  nymphenburger

Montag, 23. Dezember 2019

 

MEINE SEELE. ein roter Apfel

                      reif und süß.

wiegt sich zuoberst im Baum.

                        bisher erreicht ihn keiner.

 

Viele versuchten es.

      er entzog sich den Pflückern.

Widersetzte sich jedem

                         der ihn herabziehen wollte.......

 

SAPPHO

Sonntag, 22. Dezember 2019 Vierter Advent

 

Einen kerzenhellen, wunderschönen vierten Advent wünschen wir Euch.

Lasst Euch berühren von:

Gabriellas Lied

Freitag, 20. Dezember 2019

 

An das Buch

mach weiter du
in deiner eigenen Zeit
weiter werde ich
dich nicht tragen
ich überlasse deine Worte dir
als gehörte sie
dir von Anfang an

natürlich bist du nicht zu Ende
wie kannst du je zu Ende sein
wenn der Mond aufgeht oder
der Morgen neu beginnt
und selbst die Worte sind nicht zu Ende
obwohl sie das behaupten

lass dich nicht beirren
wie auch ich nicht auf
sie höre wenn sie sagen
dass du und wie du
anders sein musst
du kannst ihnen erklären das gelingt dir
der Fehler läge allein bei mir

wer immer ich auch gewesen bin
als ich dich schuf

 

W.S. Merwin   entnommen dem Heft6/2014 der Zeitschrift"Akzente"
                     aus dem Hanser Verlag

Donnerstag, 19. Dezember 2019

 

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.

Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben: bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.

 

Rainer Maria Rilke

Mittwoch, 18. Dezember 2019

 

Blaugrün rauschend vorbei an den Hügeln

rühme dich nicht deiner Eile, mein Strom.

Bist du ins weite Meer erst gesunken,

kehrst du nicht wieder, klagst du umsonst.

Warum verweilst du nicht hier und rastest,

Strom, wo Mondlicht die Hügel beglänzt.

 

Hwang Chin-I

Dienstag, 17. Dezember 2019

 

Zeige dich, wie du bist oder sei,

wie du dich zeigst.

 

Rumi  Sufi-Mystiker  (1207-1273)

Montag, 16. Dezember 2019

 

Ganz bleiben

 

Unter fallenden Kastanien
den Garten umarmen

Durch Zeitgeräusch wandern
von Stimme zu Stimme

Herzliche Briefe
lieben

Sich an allen Ecken
wundstoßen
und ganz bleiben

 

aus: Regenwörter von Rose Ausländer  reclam

Sonntag, 15. Dezember 2019 Dritter Advent

 

Wir wünschen Euch einen besinnlichen, schönen dritten Advent-
vielleicht mit einem Lied auf den Lippen, guter Lektüre,
und Zeit den Kerzenschein zu genießen.

Herzlichst - eure Xanthippen.

 

Du lieber guter Weihnachtsmann

Ich wünsche mir erlaube doch

Dass du mir unterm Baum zum Fest

Perfekte Stille hinterlässt

Im Schuh nur Leere nur ein Loch

Auch wünsch ich mir ein großes Nichts

in eine Wolke eingehüllt

Mit einer schönen Eisbärform

Und alle Tränen fort verdampft

Oh lass mich froh und munter sein

Sei wieder Licht das uns erhellt

Schnee der in tausend Flocken fällt

Ein Einzelner und kein Gewimmel

Erscheinung zwischen Grund und Himmel

 

Valerie Rouzeau  a.d. Französischen v.d. Deutsch-Franz.-Lyrikwerkstatt

Samstag, 14. Dezember 2019

 

"Es ist ein kurioses Paradoxon,

dass ich mich verändern kann,

wenn ich mich so akzeptiere,

wie ich bin."

 

frei nach Carl Rogers (Begründer der Gesprächspsychotherapie)

Freitag, 13. Dezember 2019

 

Bel Ami

Etwas, was uns in dem Leben
jedes Mal mit Recht missfällt,
das ist das, wenn in der Neben-
wohnung eine Hündin bellt.
Ich ging also hin und schellte;
doch ich klagte ohne Grund,
denn was da so dauernd bellte,
war nicht Hündin sondern Hund.
Hieß Ami und war ein Dober-
mann vom Scheitel bis zum Schwanz
und gehörte einem Ober-
lehrer. (An der Türe stand´s.)
Der Ami war so bescheiden
und so lieb, dass ich verzieh:
"Lieber Freund, ich mag dich leiden,
wenn du willst, dann bell, Ami."

von: Heinz Erhardt, Die Gedichte, Lappan Verlag

Donnerstag, 12. Dezember 2019

 

Man muss sich durch die kleinen Gedanken,

die einen ärgern,

immer wieder hindurch finden,

zu den großen Gedanken, die einen stärken.

 

Dietrich Bonhoeffer

Mittwoch, 11. Dezember 2019

 

Gestein bist du gewesen und Gas und Dunst und Geist
und die Mesonen, die zwischen den Galaxien wandern mit Lichtgeschwindigkeit -
so kamst du her Geliebte … Geliebter ...

Du hast dich manifestiert als Bäume, als Gras, als Schmetterlinge,
als Einzeller und als Chrysanthemen;
doch die Augen, mit denen du mich heute Morgen anblickst,
sagen mir, dass du nie gestorben bist.

 

Thich Nhat Hanh

Dienstag, 10. Dezember 2019

 

DIE GANZE NACHT

 

                   Die ganze Nacht lang

                     trug ich Morgenlicht

     zu den Breiten in denen du lebst

            wartete auf die Liebkosung

                                der Strahlen

                           die ganze Nacht

 

Charles Carrere

Montag, 9. Dezember 2019

 

" Die geheiligten Alletage erlebe ich,

wenn ich ganz da bin -

in meinem Körper, in den Jahreszeiten,

an dem Ort, an dem ich bin.

Wenn ich nicht mit den Gezeiten gehe,

mich nicht verjahreszeite,

unverwettert bin,

dann wird es anstrengend.

Dieses In-Verbindung-Gehen

beheimatet mich.

Ich suche nicht den Sinn des Lebens,

sondern die Erfahrung des

Lebendigseins."

 

In: Cambra Skade,  Die schamanische Kraft im Alltag   Arun Verlag

Sonntag, 8. Dezember 2019 Zweiter Advent

 

Zweiter Advent - zwei Kerzen - Licht und Freude.

Das wünschen Euch - eure Xanthippen.

 

Der halbfertige Himmel

Die Mutlosigkeit unterbricht ihren Lauf.
Die Angst unterbricht ihren Lauf.
Der Geier unterbricht seinen Flug.

Das eifrige Licht fliesst hervor,
sogar die Gespenster nehmen einen Schluck.

Und unsre Malereien kommen zutage,
die roten Tiere unsrer Eiszeitateliers.

Alles beginnt sich umzublicken.
Wir gehen in der Sonne zu Hunderten.

Jeder Mensch eine halboffne Tür
die in ein Zimmer für alle führt.

Der unendliche Boden unter uns.
Das Wasser leuchtet zwischen den Bäumen.
Der Binnensee ist ein Fenster zur Erde.

In: Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte, Edition Hanser Akzente

 

Samstag, 7. Dezember 2019

 

Auf dich

Hätt ich dich nie geseh´n

Hätt ich dich nie gekannt

Ich hab dich geseh´n

Und dich gekannt

Und dich geliebt

Für immer.

 

Delia Owens aus :  Der Gesang der Flusskrebse   hanserblau

 

P.S.1 Für mich der schönste Roman dieses Jahres.

P.S.2 Allerdings nicht nur für mich , die unabhängigen Buchhändler*innen haben es auch
       zu ihrem Lieblingsbuch des Jahres 2019 erkoren.

Donnerstag, 5. Dezember 2019

Vor einem Winter

Ich mach ein Lied aus Stille
und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.

Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was es auch immer sei,

Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
in einer finstren Nacht.

Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.

aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte.
© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2006

Mittwoch, 4. Dezember 2019

 

Musik macht das Herz weich.

Ganz still und ohne Gewalt

macht die Musik die Türen zur Seele auf.

 

Sophie Scholl

 

UNITED - anklicken & anhören

Dienstag, 3. Dezember 2019

 

Gewissensprüfung im Morgengrauen

 

Ich überlege. Ich untersuche.

Ich wälze mich in meinem Bett.

Anstatt zu schlafen betrachte ich

im Sitzen das graue Morgenlicht.

Früher einmal, als ich so schlief,

die Hand unter dein Hemd gesteckt,

hielt ich deinen Bauch umfasst

wie ein Nest, ja wie ein Nest.

Doch wir überliessen es dem Wind,

sich um unsere Sorgen zu kümmern.

 

Jean Cuttat

Montag, 2. Dezember 2019

 

Gebet des älter werdenden Menschen

Anonym - 17. Jhd. Inschrift in einer englischen Kirche

 

O Herr, Du weißt besser als ich,
dass ich von Tag zu Tag älter
und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch,
hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein.
Bei meiner ungeheuren Ansammlung von
Weisheit erscheint es mir ja schade,
sie nicht weiterzugeben – aber Du verstehst o Herr,
dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser
Einzelheiten und
verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.
Lehre mich schweigen über meine Krankheiten
und Beschwerden.
Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben,
wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen anderer
mit Freude anzuhören, aber lehre mich,
sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit,
dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Ich möchte kein Heiliger sein – mit ihnen lebt es sich so schwer -,
aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete
Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr,
die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.

Sonntag, 1. Dezember 2019 und erster Advent

 

Einen lichten, leichten und fröhlichen ersten Advent für Euch.

 

Wenn ich einen grünen Zweig im Herzen trage,

wird sich ein Singvogel darauf niederlassen.

 

Chin. Sprichwort

 

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